Anna Rossinelli – «White Garden»

Wer den «weissen Garten» betritt, den überkommt erst einmal ein Gefühl der Wärme. Bis wenige Sekunden später eine kühle Brise einsetzt: «It started with a flue. It ended in a mess». Der rhythmische Opener von Anna Rossinellis neustem Album könnte auch als Neustart verstanden werden und geht tief. Schnell wird klar: Irgendwo auf der Reise wurde Geschirr zerschlagen. Es wurden Zettel zerrissen, um später wieder neu zusammengeklebt zu werden. Das Leben als Vorlage für einen musikalischen Trip durch elf Songs, die vor allem eines zeigen: Das Trio um Anna Rossinelli ist gewachsen. Die Zeit wurde reif für das wohl beste Werk der zehnjährigen Bandgeschichte.

Drei Jahre nach dem letzten Langspieler schreitet Anna Rossinelli an die Oberfläche, nimmt den musikalischen Faden wieder auf und geht den eingeschlagenen Weg des letzten Albums «Takes Two To Tango» weiter. Dass sich die Band Zeit gelassen hat, ist jedem einzelnen neuen Song anzuhören. Hier sitzt jeder Stein auf dem anderen, jede Silbe passt, jedes Instrument hat seinen Platz. Kaum verwunderlich, denn viele Einfälle existierten bereits lange vor den Aufnahmen. In über einem Jahr sammelten Anna, Georg Dillier und Manuel Meisel Songideen, Skizzen, nahmen Demos auf und bahnten sich den Weg in Richtung Studio. Dieses sollte nicht irgendwo stehen. Am besten weit weg von all dem, was irgendwie als Ablenkung wahrgenommen werden konnte. Fündig wurden die drei Musiker und ihr langjähriger Weggefährte, Produzent Simon Kistler, schliesslich im hügeligen Toggenburg. Eine abgelegene Lachsfarm diente drei Wochen als Rückzugsort und Entstehungsstätte des «White Garden». Digital Detox und Abgeschiedenheit als Inspiration für ein neues Kapitel.

Kaum eingetaucht, wird dem eingefleischten Rossinelli-Fan schnell klar: Hier ist etwas anders. Doch vertraut, aber irgendwie neu. Die elf Songs umgeben eine angenehme Frische. Altbewährtes trifft auf Modernes, Analoges auf Digitales, Saiten- vermischen sich mit Synthi-Klängen. Als hätte man den neusten Wurf in ein elektronisches Basenbad getunkt. Zuständig dafür ist Pablo Nouvelle. Der Schweizer Elektronika-Musiker und DJ begleitete die Entstehung des vierten Langspielers als Co-Produzent. So treibt etwa ein pumpender Synthesizer den Eröffnungssong «Eyes Closed» vorwärts und erzeugt eine bedrohlich warme Atmosphäre, die einem fast den Atem raubt. Die Midtempo-Nummer «Feel It» – auf der Anna mit Manuel Felder (The Gardener & The Tree) zusammenspannt – könnte während einer durchtanzten Nacht in der dunkelsten Club-Ecke entstanden sein.

Es sind aber nicht nur die elektronisch angehauchten Tracks, die Anna Rossinelli in ein neues Licht tauchen. So glaubt man sich im Titelsong «White Garden» irgendwo in einer Disco der 80er wiederzufinden. «Jewellery» etwa hätte Destiny’s Child in den Nullerjahren als R’n’B-Perle gut gestanden. Und «Hold Your Head Up» zeigt Anna so zerbrechlich, wie man sie wohl noch nie erleben durfte. Die Midtempo-Ballade trifft in Herz und Bauch eines jeden, dem Schmerz und Gefühlschaos nicht fremd sind. «I turned myself into a tragic memory» – die Baslerin lässt uns an ihrem Leben teilhaben und macht klar: Die letzten Jahre waren ein Auf und Ab: Liebe, Musik, Trennung, Schmerz, Neuanfang, Musik. Was nach einem grossen Drama klingt, sieht die Sängerin und Musikerin heute äusserst reflektiert: «Was einem Menschen im Leben wiederfährt, das prägt ihn auch. Man geht vorwärts, man verändert sich».

All dies ist vergleichbar mit einem grossen «weissen Garten», in dem die Zähler auf Null zurückgestellt werden. Darin gilt es, all die sonst so bunten Dinge neu zu bemalen und neu zu gestalten, um schlussendlich einen Neuanfang zu wagen und das Leben in all seinen Facetten zu geniessen.

ANNA ROSSINELLI

ist im April 1987 in Basel geboren. Bereits als Kind liebte sie es zu singen und vor Publikum aufzutreten. Deswegen besuchte sie schon in ihrer Schulzeit Klassen mit speziellem Musikschwerpunkt. Mit 16 Jahren ging sie schliesslich für drei Jahre an die allgemeine Jazzschule Basel, wo sie neben Gesang, Musiktheorie und Gehörbildung auch Klavierunterricht nahm. Die erste Bühnenerfahrung als Solistin machte Anna bereits mit 13 Jahren. Im Jahr darauf gründete sie ihre erste Acapella Gruppe und wurde Mitglied einer Rock-Pop Band. Seitdem sammelte sie mit verschiedenen Bands weitläufige Bühnenerfahrung und nahm an unterschiedlichsten Studioprojekten teil. Seit 2008 ist Anna mit Manuel und Georg unterwegs, machte mit ihnen eine Strassenmusik-Tour durch Europa. 2010 gewann Anna mit ihrer Band die schweizer Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest und erreichte in diesem im darauffolgenden Jahr das Finale. Es folgte das erste Album "Bon Voyage" und eine ausgedehnte Tour. Ausserdem sang sie gemeinsam mit James Morrison an dessen Konzerten im Zürcher Hallenstadion und am Live At Sunset Festival, stand mit Andreas Vollenweider auf der Bühne, performte mit Adrian Stern.

MANUEL MEISEL

ist im September 1983 in Basel geboren. Bereits mit sechs Jahren begann er mit Schlagzeugunterricht. Mit 16 Jahren entschied er sich für den Wechsel vom Schlagzeug zur Gitarre. Während fünf Jahren nahm er Unterricht an der Musik-Akademie Rheinfelden. Danach besuchte er zwei Jahre die Allgemeine Jazzschule Basel und wurde neben Gitarre auch in Harmonielehre und Gehörbildung unterrichtet. Manuel sammelte in verschiedenen Bands und Rap-Combos schon früh Live- und Studio-Erfahrung.

GEORG DILLIER

ist im August 1982 in Basel geboren und begann im Alter von 14 Jahren mit dem Bassspielen – der Bass war ein Geschenk eines Freundes. Kurz danach entschied er sich für die ersten Bassstunden und spielte auch schon bald in verschiedenen Bands. Nach der Matura besuchte er für drei Jahre die Allgemeine Jazzschule Basel. Danach studierte Georg e-Bass im Bereich Jazz und Pop in Winterthur. In Nebenfächern spielte er Klavier und Kontrabass. Daneben hat er sich autodidaktisch das Spielen auf der Gitarre angeeignet. Bereits davor hat der junge Musiker in verschiedenartigen Formationen live und im Studio gespielt.